Autofrei und Spaß dabei: Fahrrad-Mobilität mit „Kind und Kegel“

Bewegungsverführer im Alltag: Tipps und Erfahrungswerte rund um das Fahrradfahren im Alltag

von Thomas Kaiser
Radfahren mit Kind als Alltagsmobilität ist möglich – und bringt viele Vorteile mit sich. Foto: Kara/AdobeStock

Radfahren mit Kind als Alltagsmobilität ist möglich – und bringt viele Vorteile mit sich. Foto: Kara/AdobeStock

Mal wieder spät dran nach dem allmorgendlichen Bad-Frühstück-Anzieh-Marathon mit zwei kleinen Kindern. Schon ziemlich viel los auf der Straße – und dann geht gar nichts mehr: Die Müllabfuhr blockiert die Brückenstraße. Das scheint etwas Längeres zu werden – aber zum Glück nur für die Autos. Wir dagegen sind mit Fahrrad und Anhänger unterwegs, können uns problemlos an Stau und Müllabfuhr vorbeischlängeln und kommen so ungestresst, ohne Parkplatzsuche und vor allem pünktlich in der Kita an. Der Morgen ist gerettet. Und während ich noch die letzten Kilometer ins Büro fahre, freue ich mich mal wieder darüber, mit Berufsverkehr und verstopften Straßen nichts zu tun zu haben.

Bewegungsverführung – das Ziel und Motto von mendo:movo spielt auch im Privatleben der mendo:movo-Redakteure eine wichtige Rolle. In unserer kleinen Sommerserie verraten sie, was sie in Bewegung bringt. Die Ansätze sind dabei sehr unterschiedlich. Nach dem Plädoyer fürs Rennradfahren bleiben wir auch in dieser Folge auf dem Rad: Thomas Kaiser berichtet uns vom Alltag mit zwei Kindern in der Stadt – mit Fahrrad und Anhänger statt mit Auto und Stau.

Erst reine Notwendigkeit, dann Gewohnheit, schließlich Überzeugung

Von Haus aus war ich eigentlich kein Rad-affiner Mensch. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf, wo jede Strecke mit dem Auto zurückgelegt wird, es praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr gibt und jeder mit 15 den Mofa-Führerschein macht: In diesem Umfeld war das Fahrrad als Verkehrsmittel eher unbedeutend.

Das änderte sich mit dem Umzug in die Stadt. Während des Studiums in Köln konnte ich zwar kostenlos Bus und Bahn fahren, mit dem Fahrrad war man jedoch fast immer flexibler und meistens sogar schneller. So gewöhnte ich mir nach und nach an, immer mehr Strecken mit dem Rad zurückzulegen – bis es zur Gewohnheit wurde und ich die Bahn nur noch nutzte, wenn es Hunde und Katzen regnete.

Mit dem Umzug nach Heidelberg, wo alle Strecken noch kürzer waren und für Bus und Bahn bezahlt werden musste, wurde endgültig das Fahrrad mein Verkehrsmittel der Wahl. Als sich dann nach ein paar Jahren der erste Nachwuchs ankündigte, stand für mich schnell fest, dass ich auch mit und trotz Kind „fahrradmobil“ bleiben wollte. Also musste ein Fahrradanhänger her. Leichter gesagt als getan! Googelt man Kinderfahrradanhänger und arbeitet sich durch die Trefferliste, fälllt die Entscheidung schwer angesichts der Vielzahl an Modellen und Herstellern, der extremen Preisspannen und des umfangreichen Zubehörs vom Buggyrad bis zum Langlaufski-Set.

10 persönliche Tipps für den Fahrradanhänger-Kauf

Es gibt also bei der Anschaffung eines Anhängers einiges zu beachten. Vergleichstests und Blogs bieten dazu umfangreiche Informationen. In diesem Artikel möchte ich jedoch meine persönlichen Top-10-Tipps und Erfahrungswerte weitergeben, um Ihre Suche nach einem passenden Fahradanhänger zu erleichtern: Damit sich die oftmals stressige Alltagsmobilität mit Kindern in einen gesundheitsfördernden Bewegungsverführer verwandeln kann!

  1. Anhänger oder Fahrradsitz?
    Ohne Anhänger ist man zwar etwas flexibler und leichter, aber für mich überwiegen die Vorteile des Anhängers deutlich. Wenn das Rad nicht nur zum reinen Transport, sondern auch für alle anderen alltäglichen Wege und Besorgungen genutzt werden soll, würde ich immer einen Anhänger empfehlen. Die Kinder sitzen sicher, warm und trocken darin, und man hat zusätzlich einen großen Stauraum, um alles Nötige mitzunehmen bzw. um kleinere und größere Einkäufe nach Hause zu bringen
  2. Einzel- oder Doppelanhänger?
    Diese Frage scheint trivial, aber aufgrund der teilweise relativ hohen Anschaffungspreise würde ich empfehlen, gleich einen Doppelsitzer zu kaufen, sofern man perspektivisch mit zwei Kindern plant. Ansonsten lassen sich die Anhänger auch ganz gut weiterverkaufen, und man muss beim Umstieg eben einen Verlust von rund 30 bis 40 Prozent einkalkulieren.
  3. Mit Federung oder ohne? 
    Hier würde ich immer zur Federung raten, da selbst beim reinen Stadteinsatz genügend Hindernisse (Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher, Baustellen, Bordsteinkanten, etc.) vorhanden sind, die die Kleinen ordentlich durchschütteln. Die Einstellbarkeit der Federung betrachte ich eher als zweitrangig, da entgegen der Herstellerversprechen hier aus meiner Erfahrung nicht viel erreicht werden kann bzw. dies im Alltag diese nicht genutzt wird.
  4. Buggy-Modus:
    Fast alle Anhänger lassen sich mit mehr oder weniger geringem Aufwand zum Kinderwagen umbauen (Buggy-Modus). Dafür werden die Deichsel entfernt und an ihrer Stelle ein oder zwei Vorderräder befestigt. Jeder Hersteller hat seine eigene Technik entwickelt, sodass man am besten mehrere Typen testen sollte, um herauszufinden, womit man selbst am besten zurecht kommt. Aus meiner Erfahrung ist weniger mehr. Es sollte also möglichst wenig Zubehör für den Umbau nötig sein. Im Optimalfall einfach nur Deichsel ausklinken, Buggy-Rad einsetzen – fertig.
  5. Stauraum:
    Davon kann man gar nicht genug haben, wenn man mit Kindern bzw. beim Einkaufen unterwegs ist. Daher ist dies einer der wichtigsten Punkte, auf die es zu achten gilt: ein großer, geräumiger und leicht zugänglicher „Kofferraum“, der wasserdicht verschlossen werden kann. Außerdem sollte die Ladung nicht in den Rücken der sitzenden Kinder drücken. Wenn der Anhänger gleichzeitig als Kinderwagen (Buggy-Modus) genutzt werden soll, ist es wichtig, dass der „Kofferraum“ nicht beim Schieben im Buggy-Modus stört.
  6. Kupplung:
    Wenn das Elternpaar mit verschiedenen Fahrrädern unterwegs ist, wird häufig die Situation entstehen, dass der Anhänger mit verschiedenen Rädern gezogen werden soll. Damit man hier nicht jedes Mal die Anhängekupplung ummontieren muss, sollte jedes potenzielle Zugrad mit einer Kupplung ausgestattet werden. Hier gibt es allerdings große Preisunterschiede bei den Herstellern bzw. je nach Achsart des Zugrades. Die Preise bewegen sich zwischen 50 und 80 Euro.  Probieren Sie beim Händler aus, welche Kupplungstechnik Ihnen am besten liegt.
  7. Fußboden:
    Ein Detail, das leicht vernachlässigt wird, ist der Fußboden des Anhängers. Dieser sollte relativ stabil sein, sodass die Kleinen auch mal im Anhänger stehen können, ohne das man Angst haben muss, dass der Boden einreißt. Gerade wenn die Kinder größer werden und selbstständig in den Anhänger klettern, ist dies ein wichtiger Punkt, der die Alltagstauglichkeit des Anhängers deutlich erhöht. Auch hier gibt es wieder große Unterschiede zwischen den Herstellern und Modellen: teilweise ist der feste Boden Standard, teilweise als Zubehör nachrüstbar und teilweise gar nicht vorhanden.
  8. Regenschutz: 
    Noch ein eigentlich triviales Detail. Aber auch hier gibt es große Unterschiede. Die Bandbreite reicht von abnehmbaren Regenhüllen, die als Zubehör gekauft werden müssen, bis hin zu integrierten Systemen mit Doppelfunktion (Insekten- oder Regenschutz). Hier empfiehlt es sich aus eigener Erfahrung, auf ein integriertes System zu achten. So hat man immer den Schutz dabei, den man benötigt, und es kann nichts verloren gehen oder unter die Räder geraten.
  9. Baby an Bord:
    Generell wird der Transport der Kleinsten erst ab einem Jahr empfohlen bzw. wenn diese stabil sitzen können. Mit einer sogenannten Babyhängematte können auch Babys ab 6 Monaten transportiert werden. Die meisten Hersteller bieten solche Hängematten als Zubehör an. Es sollte allerdings darauf geachtet werden, dass die Hängematte eine möglichst waagerechte Liegeposition ermöglicht und keinen Kontakt zum Sitz hat, um so eine zusätzliche Federung zu erreichen.
  10. Transport des Anhängers:
    Besitzt man zusätzlich noch ein Auto und nutzt dies für Ausflüge und Fahrten in den Urlaub, empfiehlt es sich darauf zu achten, dass der Anhänger möglichst kompakt zusammengefaltet werden kann. Das Zusammenklappen sollte schnell, werkzeuglos und sicher vonstatten gehen. Die beweglichen Teile des Anhängers und die Verriegelungen sollten robust und langlebig sein.

Last but not least empfiehlt es sich, spätestens beim zweiten Kind auf ein E-Bike als Zugrad umzusteigen, damit man sich nicht zweimal überlegen muss, ob die Strecke mit dem Rad machbar ist. Im Prinzip ist zwar alles auch mit einem normalen Rad möglich. Um aber wirklich entspannt und auch im Hochsommer nicht völlig durchgeschwitzt anzukommen, ist ein potentes E-Bike unumgänglich.

Ich hoffe, dieser kleine Erfahrungsbericht mit Anhängerberatung hilft Ihnen, den passenden Anhänger zu finden – und beim Start in einen bewegungsverführenden Alltag, frei von Stau und Parkplatzproblemen.

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