Der Weg ist nicht das Ziel – er führt nur dahin

Ohne Anstrengung mehr bewegen: Auf den Anreiz kommt es an

von Martin Herbaty
Zielgerichtet macht Bewegung mehr Spaß - Foto: Martin Herbaty

Zielgerichtet macht Bewegung mehr Spaß - Foto: Martin Herbaty

Ja, klar, Bewegung ist gesund. Laufen hält fit. Radfahren ist gut für Kreislauf, Kondition und überhaupt. Trotzdem: Warum soll ich mich aufs Rad schwingen oder Draufloslaufen, um wieder genau da anzukommen, wo ich gestartet bin, nur erschöpfter? Wenn Gesundheitsbewusstsein und innerer Schweinehund in den Clinch gehen, geht es mir wie vielen anderen – Vorteil innerer Schweinehund. Aber zum Glück kann ich einigen Versuchungen kaum widerstehen.

Bewegungsverführung – das Ziel und Motto von mendo:movo spielt auch im Privatleben der mendo:movo-Redakteure eine wichtige Rolle. In unserer kleinen Sommerserie verraten sie, was sie in Bewegung bringt. Die Ansätze sind dabei sehr unterschiedlich. Nach dem Plädoyer fürs Rennradfahren und dem Erfahrungsbericht aus dem Familienalltag mit dem Rad beschreibt Martin Herbaty, wie mit den richtigen Anreizen aus Bewegungsfrust Bewegungslust wird.

Neugier ist für Redakteure, wenn nicht Berufskrankheit, so doch mindestens eine Anforderung im Job. Und Neugier ist der Motivator, der mich in Bewegung bringt. Ich habe keine Probleme, einige Kilometer zu Fuß oder auf dem Rad zurückzulegen, wenn ich dabei etwas Neues und Interessantes entdecken und erkunden kann – oder wenn am Ziel etwas lockt, das mir die Anstrengung wert ist. Dann stört mich auch das Handicap eines Fotorucksacks auf dem Rücken nicht mehr.

Einstiegsdroge Urlaub

Solche Touren fallen im Urlaub leichter, weil man einfach Zeit dafür frei hat; und so gehören sie für mich zu jeder Reise. Schon ein Städtetrip bietet viele Gelegenheiten für ausgiebige Wanderungen, je nach Interessenlage auch an ungewöhnlichen Orten. Allein auf dem Wiener Zentralfriedhof kamen so über einen Nachmittag hinweg etliche Kilometer zusammen, selbst wenn ich trotz historischen und kulturellen Interesses nicht allen Berühmtheiten einen Besuch abstatten konnte. Dann gibt es in Wien ja noch den Sankt Marxer Friedhof, auf dem Mozart seine letzte Ruhe fand – und selbst die knapp fünf Kilometer zwischen den beiden Friedhöfen habe ich zumindest in eine Richtung erlaufen.

Alte Städte sind für mich die idealen Bewegungsverführer: Ihre reiche Geschichte bedeutet eine Fülle interessanter Ziele, und diese liegen durch gewachsene Strukturen so nahe aneinander, dass sich über einen halben oder ganzen Tag hinweg etliche davon erkunden lassen. Bevor ich losgehe, schaue ich, welche versteckten Attraktionen es jenseits der großen Touristenziele gibt. Edinburgh hat mehr zu bieten als die Royal Mile, Regensburg mehr als Dom, Steinerne Brücke und Wurstkuchl. Gut für Kondition und Kreislauf ist dabei, dass gerade alte Orte oft auf Hügeln errichtet wurden und man bei solchen Touren auch viele Steigungen oder – siehe Edinburgh – viele Treppen auf- und abwärts bewältigt.

Jenseits von Stadtgrenzen werden die Strecken dann länger und die Touren spontaner. Ein kurzer Spaziergang zur Erntezeit durch Weinberge an der Mosel dauert unversehens vier kurzweilige Stunden, wenn man alten Pfaden und Wegmarken folgt. Ein schneller Halt an der schottischen Küste entwickelt sich zur längeren Wanderung über Stock und Stein, weil man von der angesteuerten Bucht aus eine interessante Ruine sieht, dort angekommen eine malerische Felsformation, und von da aus eine Brutkolonie von Seevögeln.

Ungeplante Abstecher lohnen sich

Ist man nicht zu Fuß, sondern auf dem Fahrrad unterwegs, bleibt das Prinzip das Gleiche, vor allem, wenn man sich die eigene Planung nicht in den Weg geraten lässt. Für die kleine Radtour entlang der Mosel waren eigentlich Strecke und Ziel gesetzt. Aber dann blickt man auf die Karte, stellt fest, dass das alte Kloster interessant aussieht, und es ist ja kein großer Umweg. Schließlich sieht man noch den einen oder anderen Wegweiser, oder ein Bauwerk aus römischer Zeit taucht entlang des Wegs zwischen den Bäumen auf. Am Ende des Tages hatten wir ganz entspannt 70 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt, waren in einigen Altertümern herumgeklettert, aber hatten auch Halt gemacht und eine Weile auf den Fluss geschaut und waren in einem Lokal eingekehrt – nur kein Stress, bitte. Nebenbei: Bei solchen Gelegenheiten kommen meine Frau und ich uns schon ziemlich retro vor, weil wir gefühlt als einzige nicht in Rennkleidung auf dem E-Bike daherkommen, sondern noch ausschließlich selbst in die Pedale treten.

Alte Gemäuer sind für mich immer ein Anreiz für Bewegung, egal ob ich einen Burgberg für einen Blick auf die Ruine und den Ausblick ins Tal erklimme oder in den ausgedehnten Überresten einer Festungsanlage herumstöbere. Ein Highlight sind für mich „Lost Places“, die nicht in Reiseführern stehen, sondern über die man unterwegs geradezu stolpert. Ob es ein verfallenes Gutshaus am Ende eines Feldwegs ist oder ob ich – „Lass uns mal aufs Meer schauen“ – einem Wegweiser zum Strand folge und unversehens zwischen Bunkerruinen des Atlantikwalls stehe: Da will ich mehr sehen, und das aus vielen Perspektiven – Laufen gerne inbegriffen.

Kleine Fluchten mit Mehrwert

Nicht nur im Urlaub komme ich durch das passende Ziel in Bewegung. Ein spontaner Sonntagsausflug in die nähere oder etwas weitere Umgebung ist häufig ebenso inspiriert. Zugute kommt mir die lange Besiedlungsgeschichte meiner Heimatregion. Von keltischen Kultstätten und Spuren des Limes über mittelalterliche Burgen wie die nur zu Fuß erreichbare Ruine Roßstein, spätere Bauten wie die so imposante wie geschichtsträchtige Wülzburg oder die Eremitage Bayreuth und den Felsengarten Sanspareil bis hin zu den Resten der Versuchstribüne für Hitlers „Deutsches Stadion“ im oberpfälzischen Hirschbachtal, für deren Erkundung die Fähigkeiten einer Bergziege hilfreich sind: Es gibt viel zu entdecken in der eigenen Umgebung.

Weitere Bewegungsverführer neben Architektur und Geschichte sind Natur und Landschaft. Für mich ist es spannend, dass es im Nahbereich etwa gar nicht schwer erreichbare Kalksinterterrassen und Kalktuffrinnen gibt, oder dass im benachbarten Mittelfranken eine Elefantenschlucht existiert. Auslöser für Trips zu solchen Zielen ist manchmal ein Zeitungs- oder Onlineartikel, eine Fernsehsendung oder ein Hinweis auf Facebook, Instagram & Co. Aktiv lässt sich manches beim Scrollen durch Kartendienste wie Google Maps entdecken – bei entsprechender Zoomstufe fallen einem auch solche Landschaftsmarken ins Auge. Und manchmal ist der Anlass einfach eine Mini-Fotosafari, für die ich mich mit dem Rad zum nächsten Teich oder Waldrand aufmache, um kleinere und größere Tiere vor die Kamera zu bekommen.

Bisweilen lässt sich selbst der innere Schweinehund so ganz rational überwinden: Der Weg zur Arbeit mit dem Auto ist natürlich bequem. Aber wenn ich radle, bin ich genauso schnell – und ich habe die Chance, auf dem Weg ins Büro entlang des alten Ludwigskanals einen Eisvogel zu beobachten, den ich vom Auto aus auf der Hauptstraße nie zu Gesicht bekommen würde.

Newsletter

Wir halten Sie auf dem Laufenden: Gleich anmelden und per Newsletter über die neuesten Forschungsergebnisse und Veranstaltungen informiert werden.

Zur Anmeldung