Neuartige und ungewohnte Bewegungsaufgaben bringen das Gehirn auf Trab

Life-Kinetik-Training optimiert die Ressourcen für Fähigkeiten aller Art

Foto: LiKE GmbH

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Je höher der Druck, desto höher der Stresslevel – eine These, die zunächst plausibel klingt. Bei näherer Betrachtung ist sie jedoch nicht zu halten. Entscheidend ist nämlich, was wir aus einer Situation machen. Wir selbst sind es, die bestimmen, ob eine Situation in uns Stress erzeugt. Verantwortlich für die Bewertung einer Situation ist unsere Steuerzentrale, das rund 1500 Gramm schwere Gehirn mit seinen etwa 100 Milliarden Gehirnzellen. Die gute Nachricht ist: wir müssen uns nicht mit der augenblicklichen Bewertung zufriedengeben, sie ist veränderbar – mithilfe von Life-Kinetik-Training.

Wie funktioniert Lernen?

Um Life Kinetik zu verstehen, müssen wir uns kurz damit beschäftigen, wie unser Gehirn lernt: Beim Lernen spielt der Begriff synaptische Plastizität, also Lernen durch eine Neuordnung der Vernetzung von Gehirnzellen beziehungsweise durch Schaffung neuer Verbindungen oder sogar neuer Gehirnzellen, eine elementare Rolle. Einen entscheidenden Beitrag zur synaptischen Plastizität leistet körperliche Bewegung, insbesondere wenn sie neuartig ist und dem Übenden einen unerwarteten Bewegungserfolg beschert. Um also kontinuierlich neuronale Lernvorgänge zu provozieren, sind vor allem neuartige und ungewohnte Bewegungsaufgaben anzusteuern, die verändert werden sollten, sobald im Üben eine Routine auftritt. Genau diesen Anforderungen entspricht das Life-Kinetik-Training.

Auf Wahrnehmung beruhende, koordinative und kognitive Übungen helfen also, Gehirnfunktionen zu stimulieren und zu verbessern, neuronale Verbindungen zu stärken und neue zu schaffen, Mehr neuronale Verbindungen führen zu einer Leistungssteigerung im Alltag. Die simple Formel lautet also: Wahrnehmung plus Bewegung plus Kognition bringt mehr Leistung. Etwas differenzierter müsste es heißen: Das Training von Wahrnehmung, Bewegung und Kognition in einer ganz bestimmten Art und Weise führt zu einer verbesserten Konnektivität zwischen den Gehirnzellen, was dann die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigert.

Ressourcen-Boost durch Life Kinetik

Unsere Alltagsannahme ist, dass wir uns nur dann in einem bestimmten Bereich verbessern, wenn wir diesen Bereich bis zur Perfektion trainieren. Unsere Erfahrung bestätigt diese Annahme: Wer täglich acht Stunden Klavier übt, wird ein besserer Klavierspieler. Wer täglich 50 Vokabeln lernt, wird eine Sprache besser beherrschen. Wer täglich den Tennisaufschlag übt, wird erfolgreichere Aufschläge machen. Das ist aber nur eine Möglichkeit, sich zu verbessern. Sie basiert darauf, die vorhandenen Ressourcen bestmöglich auszuschöpfen. Eine andere Möglichkeit ist, zuerst oder parallel dazu die Ressourcen zu verbessern.

Wenn beispielsweise bei einem Pianisten die Augenmuskulatur nicht sauber arbeitet, er deshalb eine Leseschwäche hat und die Partitur nicht fehlerfrei lesen kann, muss er zunächst die Augenmuskulatur trainieren. Wenn ein Chormitglied sich die Bedeutung der Zeichen des Chorleiters nicht merken kann, muss es zuerst die Kapazität seines Arbeitsgedächtnisses verbessern. Mithilfe von Life Kinetik können diese Ressourcen und damit die Grundlagen für andere Fähigkeiten verbessert werden. Life Kinetik verfolgt im Grunde nur ein einziges Ziel, nämlich die Teilnehmer so zu fordern, dass ihr Gehirn gezwungen wird, neue Verbindungen zu schaffen oder bestehende Verbindungen neu zu ordnen. Die dadurch neu hergestellten Bahnungen können dann im Alltag dazu benutzt werden, die geforderten Aufgaben besser zu meistern.

Life Kinetik ersetzt also nicht das klassische Üben und Trainieren, sondern es ergänzt es auf wunderbare Weise. Da es dabei nicht um die Stärkung spezifischer Fähigkeiten geht, sondern vielmehr das generelle Ressourcen-Niveau angehoben werden soll, ist es auch nicht notwendig, die Übungen an bestimmte Personen anzupassen. Jeder Mensch kann das gleiche Life-Kinetik-Training durchführen und wird davon profitieren – ganz egal ob Kindergartenkind, Schüler, Berufstätiger, Rentner oder Sportler.

Life Kinetik und die Wissenschaft

Jeder bringt andere Voraussetzungen mit. Deshalb lässt sich nicht vorhersagen, in welchen Bereichen sich jemand verändern wird. Fest steht aber, dass sich ganz sicher etwas tun wird. Das konnten über 30 wissenschaftliche Untersuchungen von verschiedenen Instituten eindeutig bestätigen. Das Central Institute of Mental Health in Mannheim beispielsweise konnte mit Hilfe von MRT-Aufnahmen zeigen, dass die Konnektivität verschiedener Gehirnareale während eines dreimonatigen Life-Kinetik-Trainings mit einem Umfang von 60 Minuten pro Woche deutlich anstieg. Es zeigte sich eine bessere Vernetzung zwischen den visuo-motorischen und audio-motorischen Bereichen, aber auch zwischen den Arealen, die für Fehlerbearbeitung und Motoriksteuerung zuständig sind. Andere Untersuchungen zeigen signifikante Steigerungen der fluiden Intelligenzleistung, der Stressresistenz und der Erholungsfähigkeit.

Kinder verbessern durch Life Kinetik ihre schulischen Leistungen ebenso deutlich wie ihre körperlichen Fähigkeiten. Insbesondere in Mathematik zeigten Studienteilnehmer erstaunliche Steigerungen und hier vor allem bei der mentalen Rotationsfähigkeit, die in der Geometrie eine wichtige Rolle spielt. Die Schüler konnten nicht nur ihre Verarbeitungsgeschwindigkeit erhöhen, sondern gleichzeitig die Fehlerquote fast halbieren. Interessant im Zusammenhang mit Lehrtätigkeiten jeglicher Art ist auch, dass Life Kinetik den Dopaminspiegel erhöht. Dopamin fördert die Motivation und Lernfähigkeit.

Wie funktioniert dieses Life Kinetik?

Jede Life-Kinetik-Übung besteht aus drei Bausteinen: Eine körperliche Bewegung wird so mit einer Wahrnehmungsaufgabe und mindestens einer kognitiven Aufgabe kombiniert, dass sie für die Teilnehmer eine völlig neuartige Herausforderung darstellt. Um sie zu bewältigen, sucht das Gehirn nach geeigneten Wegen. Findet es keine passenden Wege, schafft es neue Verbindungen.

Da die meisten Life-Kinetik-Übungsaufgaben sehr ungewöhnlich sind, wäre ein Automatisieren wenig hilfreich. Denn die Übungen werden im Alltag nirgendwo benötigt und würden deshalb eine Anhäufung von unnötigem Wissen sein. Wenn das Üben aber mit der „Grobform“ aufhört, werden die neu geschaffenen Verbindungen dann für die täglichen Aufgaben eingesetzt. Deshalb wird genau so lange geübt, bis von zehn Versuchen drei bis vier funktionieren. Dann wird die Übung variiert. Dieses Vorgehen ist äußerst ungewöhnlich und deshalb sehr gewöhnungsbedürftig. Schließlich ist jeder daran gewöhnt, so lange zu üben, bis es perfekt klappt. Bei Life Kinetik ist das anders. Hier gilt: Wer scheitert, hat Erfolg – denn unsere Gehirnstruktur verändert sich nur, wenn wir etwas tun, das wir nicht können. Wer diese Vorgehensweise akzeptieren kann – das dauert in der Regel drei bis vier Wochen –, wird dieses Training lieben, weil es keinerlei Druck gibt. Wer nichts kann, ist im Vorteil! Hinzu kommt ein enormer Spaßfaktor.

Die Life-Kinetik-Trainingsstruktur

Die Bewegungsaufgaben zum Training des ersten Trainingsbereiches „Flexible Körperbeherrschung“ werden unterteilt in Bewegungswechsel (rascher Wechsel von einer Bewegung auf eine andere), Bewegungskette (Kombination von mindestens zwei Bewegungen) und Bewegungsfluss (eine kontinuierlich gleichförmige Bewegung wird mit einer plötzlichen Herausforderung konfrontiert). Um den zweiten Trainingsbereich „Optimale Wahrnehmung“ zu schulen kommt entweder eine visuelle, auditive oder somatosensorische, also eine die Körperwahrnehmung betreffende Wahrnehmungsaufgabe hinzu. Als dritter Baustein werden kognitive Aufgaben für das Arbeitsgedächtnis, die Aufmerksamkeit und die fluide Intelligenz, auch Problemlösungsintelligenz bezeichnet, integriert.

Übung Parallelball

Die Übung „Parallelball“ stammt aus dem Basiskomplex Bewegungskette. Sie verbindet zwei Bewegungen miteinander, die für sich alleine genommen sehr einfach sind, in Kombination aber stark herausfordern. Sie brauchen dazu zwei kleine Bälle, in jeder Hand einen.

  1. Zunächst werden die beiden Übungen kurz losgelöst voneinander durchgeführt: Kreuzen Sie beide Unterarme so, dass einmal der rechte und einmal der linke Unterarm oben ist. Werfen Sie mehrmals beide Bälle senkrecht ca. 20 cm nach oben und fangen Sie diese wieder.
  2. Kombinieren sie nun beide Bewegungen, indem Sie die beiden Bälle nach oben werfen, die Hände kreuzen und die Bälle mit gekreuzten Händen wieder auffangen.
  3. Dann werfen die gekreuzten Arme die Bälle wieder senkrecht nach oben, die Kreuzung der Arme wird aufgehoben und die parallelen Hände fangen die Bälle wieder.
  4. Denken Sie daran: es macht nichts, wenn es nicht gleich klappt, denn nur dann ist Ihr Gehirn aktiv. Wenn von zehn Versuchen drei bis vier klappen, ist es Zeit, die Übung zu ändern.
  5. Versuchen Sie nun die Übung noch einmal, aber nun soll die andere Hand oben kreuzen. Sollte es Ihnen wieder gelingen, wäre als nächster Schritt der Wechsel zwischen links oben und rechts oben angezeigt.

Bestimmt empfinden Sie diese Übung bereits als Herausforderung. Sie können nun diese erhöhen, indem Sie Wahrnehmungsaufgaben und kognitive Aufgaben integrieren. Als visuelle Wahrnehmungsaufgabe könnten Sie beispielsweise den Kopf fixieren und einen der beiden Bälle nur mit den Augen genau verfolgen. Das integriert die Augenfolgebewegung. Oder sie machen die Übung im Einbeinstand. Dann muss Ihr Körper alle Meldungen der Sehnen, Gelenke, Muskeln, Haut und des Gleichgewichtsorgans viel genauer analysieren, um sicher stehenbleiben zu können. Die auditive Wahrnehmung kann mit einbezogen werden, wenn Sie sich von einer zweiten Person mit Hilfe von verschiedenen Tönen ansagen lassen, ob Sie beim Kreuzen die rechte oder die linke Hand oben haben sollen. So können nach und nach alle Gehirnareale in die Übung integriert werden, sodass eine möglichst umfassende Vernetzung stattfinden kann.

Der Text ist die adaptierte Version eines Beitrags von Horst Lutz, Diplomsportlehrer, Trainer, Dozent und Entwickler der Life-Kinetik-Methode, den er im Nachgang zum „Leipziger Symposium der Kinder- und Jugendstimme 2020” verfasst hat. Hier kommen Sie zu einem Videobeitrag zum Symposium: https://www.youtube.com/watch?v=dbDlAs0swJg

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