Life Kinetik – das spielerische Anti-Demenz-Training

Ziel der Übungen ist es, eine kognitive Reserve aufzubauen

Foto: Kzenon/AdobeStock

Foto: Kzenon/AdobeStock

Trotz jahrzehntelanger und weltweiter Forschung gib es bis heute kein wirksames Medikament gegen Demenz, deren häufigste Form die Alzheimer-Demenz ist. Deshalb rückt jetzt ein anderer Ansatz verstärkt in den Fokus. Sein Ziel ist nicht die Heilung, sondern der frühzeitige Aufbau einer „kognitiven Reserve“. Eine bestimmte Trainingsform erweist sich dazu als besonders effektiv: Life Kinetik.

Life Kinetik kann demenzielle Symptomatik verbessern

Es mehren sich Untersuchungen, die belegen, dass eine rechtzeitig aufgebaute „kognitive Reserve“, wie Yaakov Stern von der Columbia University in New York sie nennt, in der Lage ist, das Auftreten demenzieller Symptome hinauszuzögern. Doch wie kann eine solche kognitive Reserve aufgebaut werden? Bereits 1998 konnte im Rahmen der SimA-Studie (Selbständig im höheren Lebensalter) an der Universität Erlangen nachgewiesen werden, dass Teilnehmer eines gemischten Gedächtnis- und Psychomotorik-Trainings – und nur diese Teilnehmer – sowohl ihren Gesundheitsstatus als auch ihren kognitiven Status deutlich steigern und die dementielle Symptomatik auf Dauer verbessern konnten. Studienleiter Prof. Dr. Wolf D. Oswald postuliert: „Eine Kombination aus Gedächtnis- und Bewegungstraining wirkt dem Hirnalterungsprozess entgegen, verbessert die Gedächtnisleistungen, fördert die Selbstständigkeit, und verbessert und verzögert leichte dementielle Symptome.“

Kognitive Reserve kompensiert pathologische Veränderungen

2015 zeigte eine Studie des Neuroimaging Laboratory in Rom, dass Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen, die sich körperlich und geistig forderten, in den nächsten Monaten seltener eine Demenz entwickelten. Die Studienteilnehmer wanderten, strickten, spielten ein Instrument, lernten eine neue Sprache, gingen auf Reisen, lasen viel und pflegten ihre sozialen Kontakte. Das Gehirn dieser Patienten wies jedoch die gleichen pathologischen Veränderungen auf wie das Gehirn der weniger aktiven Patienten. Das bedeutet – die Veränderungen in der weißen Substanz des Gehirns machen sich umso später bemerkbar, je größer die Reservekapazität ist.

Vor einigen Jahren ist ein neuartiges Trainingskonzept ins Spiel gekommen: Life Kinetik. Der Münchner Diplomsportlehrer Horst Lutz kreierte dabei eine Mischung aus Gedächtnis- und Bewegungstraining, in das er zusätzlich noch Wahrnehmungskomponenten und weitere kognitive Elemente integriert. Das Besondere daran: Bei den Übungen handelt es sich um ungewöhnliche Kombinationen, die man so noch nie ausgeführt hat. Das veranlasst das Gehirn, neue Wege zu suchen. Dabei verbinden sich die Gehirnzellen immer wieder neu. Tatsächlich zeigt eine Studie des Central Institute of Mental Health in Mannheim mit MRT-Aufnahmen, dass Life-Kinetik-Training das Gehirn besser vernetzt. Das Ergebnis einer ersten kleinen Erhebung lässt ebenfalls hoffen: Die Schülerin Carolin Wegmann errang beim jährlichen Wettbewerb „Jugend forscht“ 2018 den 2. Platz mit einer Arbeit über die Auswirkungen von Life Kinetik auf die Merkfähigkeit im Kurzzeitgedächtnis bei leicht dementen Patienten. Auch wenn durch die geringe Anzahl von Probanden (10) der wissenschaftliche Ansatz fehlt, ist das Ergebnis dennoch bemerkenswert: die Life-Kinetik-Gruppe verbesserte sich durchschnittlich um fast 15%, während die Kontrollgruppe sich im gleichen Zeitraum durchschnittlich um über 17% verschlechterte. Eine andere Studie der Hochschule der Bundeswehr belegt, dass sich die Gleichgewichtsfähigkeit und die Auge-Hand- und Auge-Bein-Koordination deutlich verbessert. Das lässt also den Schluss zu, dass das Sturzrisiko – eine häufige Ursache für schwere Verletzungen, die zur Pflegebedürftigkeit führen – stark abnimmt.

Die Übungen machen Spaß und bringen Lebensfreude

Es ist also anzunehmen, dass Life Kinetik sowohl dem Hirnalterungsprozess entgegenwirkt als auch die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht. Hinzu kommt ein weiterer, eminent wichtiger Baustein: Die Übungen machen Spaß. Erscheinen Sie zunächst einfach, sind sie doch so ungewöhnlich, dass die überraschende Nichtbewältigung der Aufgabe ein Lächeln ins Gesicht des Übenden zaubert. Viele ältere Teilnehmer an Life-Kinetik-Kursen bestätigen, dass Sie schon Ewigkeiten nicht mehr so viel gelacht haben wie bei diesem Training. Spaß bringt Lebensfreude – und diese kommt mit zunehmendem Lebensalter nicht selten zu kurz.

Aber was sind das nun für Übungen, die Spaß machen und das Gehirn auf ganz spezielle Weise fordern und trainieren? Probieren Sie doch einmal folgende Übung aus. Es ist eine Übung, die zwei für sich allein genommene einfache Bewegungen zu einer neuen Bewegung verbindet. Sie brauchen dazu lediglich zwei Gegenstände, wie kleine Bälle, Zuckerwürfel oder Tücher, in jeder Hand einen.

Life-Kinetik-Übung für Einsteiger

  1. Führen Sie zunächst die beiden Übungen kurz einzeln allein durch: Kreuzen Sie beide Unterarme so, dass einmal der rechte und einmal der linke Unterarm oben ist. Werfen Sie mehrmals beide Gegenstände senkrecht circa 20 Zentimeter nach oben und fangen Sie diese wieder.
  2. Jetzt kommt die eigentliche Übung: Werfen Sie die beiden Gegenstände nach oben, kreuzen Sie die Hände und fangen Sie die Gegenstände mit gekreuzten Händen wieder auf.
  3. Dann werfen die gekreuzten Arme die Gegenstände wieder senkrecht nach oben, die Kreuzung der Arme wird aufgehoben und die parallelen Hände fangen die Gegenstände wieder.
  4. Wichtig: es macht nichts, wenn es nicht gleich klappt, denn nur dann ist Ihr Gehirn aktiv und versucht eine Lösung zu finden. Wenn von 10 Versuchen 4 bis 5 klappen, ist es Zeit, die Übung zu ändern.
  5. Bestimmt haben Sie immer die gleiche Hand oben gekreuzt, weil das Ihre Schokoladenseite ist. Versuchen Sie nun also mit der anderen Hand oben zu kreuzen. Sollte es Ihnen wieder gelingen, wäre als nächster Schritt der Wechsel zwischen links oben und rechts oben angezeigt.

Vom Hochleistungssportler bis zum Demenz-Patienten – jeder profitiert von Life Kinetik

Eine gesamte Übungszeit von 60 Minuten pro Woche, ganz gleichgültig, ob an einem Stück oder täglich zehn Minuten, reicht schon aus, um die genannten Effekte zu erzielen. Allerdings dürfen die Übungen nie so lange trainiert werden, bis man sie beherrscht, damit die neu geschaffenen Verbindungen für das tägliche Denken zur Verfügung stehen und nicht für die dann auswendig gelernte Übung blockiert werden. Das ist allerdings im Alltag eine große Hürde, weil wir in allen Lebenslagen so sehr darauf getrimmt sind, alles perfektionieren zu wollen, dass wir nicht aufhören, wenn es noch nicht klappt. Hinzu kommt noch, dass man ein sehr großes Übungsrepertoire braucht, um ständig etwas anderes machen. Es empfiehlt sich deshalb, einen ausgebildeten Life-Kinetik-Trainer zu konsultieren oder selbst die Ausbildung zu absolvieren. So ist gewährleistet, dass Life Kinetik sein gesamtes Potenzial ausschöpfen kann.

Viele Hochleistungssportler wenden das Training, ebenso an, wie Erzieher im Kindergarten oder Lehrer an der Schule. Auch viele Unternehmen haben Life Kinetik als Baustein für das Betriebliche Gesundheitsmanagement entdeckt. Aber auch in Alten- und Pflegeheimen kommt es bereits mit großem Erfolg zum Einsatz. Ski-Legende Rosi Mittermeier hat zu Life Kinetik einmal folgendes bemerkt: „Das braucht ja wohl ein jeder!"

Newsletter

Wir halten Sie auf dem Laufenden: Gleich anmelden und per Newsletter über die neuesten Forschungsergebnisse und Veranstaltungen informiert werden.

Zur Anmeldung