Bewegte Kinder lernen leichter

So gestalten Sie das Lernen zu Hause kindgerecht und bewegt

von Dr. Dieter Breithecker
Foto: yavdat/AdobeStock

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Mehr digitaler Unterricht, weniger Begegnung und weniger Bewegung: Die aktuelle Entwicklung der Pandemie lässt befürchten, dass genau dies wieder zum Alltag von Kindern und Jugendlichen werden könnte. Es gibt jedoch effektive Maßnahmen, um das Lernen zu Hause möglichst motivierend, kindgerecht und stressreduziert zu gestalten. Bewegung ist dabei der Schlüsselfaktor.

Freundliche Räume und ergonomische Einrichtung

Je mehr sich das Lernen, aber auch die Freizeit wieder zu Hause abspielen, desto wichtiger ist es, dass die Aufenthaltsräume des Kindes über eine freundliche Ausstrahlung mit viel Tageslicht, guter Akustik und vielen Pflanzen verfügen. Aber auch die mobiliare Ausstattung entscheidet darüber, wie gesund sich das Lernen im häuslichen Umfeld gestalten lässt. Ergonomische und damit „verhaltensfreundliche” Möbel sind nicht nur für die im Homeoffice arbeitenden Eltern wichtig, sondern auch für Kinder und Jugendliche.

Der „Sitzträgheitsfalle” entkommen

Kinder suchen sich intuitiv ihre ideale Lernhaltung.

Lernen kennt keine Idealhaltung. Foto: Dieter Breithecker

Der herkömmliche Sitzarbeitsplatz ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu empfehlen. Untersuchungen zeigen, dass starre Stuhl-Tisch-Kombinationen die körperliche und geistige Entwicklung beziehungsweise Gesundheit nicht optimal fördern und erhalten. Dauerndes Stillsitzen führt buchstäblich zum Stillstand – auch geistig. Schon von Kindesbeinen an verbringen wir viel zu viel Zeit im Sitzen. Ähnlich wie Erwachsene sitzen auch Kinder oft bis zu zehn Stunden täglich. Es gilt also, dieser „Sitzträgheitsfalle“ zu entkommen. Studien zufolge ist der Energieumsatz bei ausschließlich passivem Sitzen so gering ist, dass die Risiken für Erkrankungen wie zum Beispiel Übergewicht, Diabetes Typ II und Bluthochdruck bereits bei Heranwachsenden deutlich zunehmen.

Lasst die Kinder doch mal zappeln

Gerade Kinder brauchen für die harmonische Entwicklung von Körper, Geist und Seele regelmäßige Positionswechsel und viel Bewegung. In den ersten circa elf Lebensjahren ist das besonders wichtig. In dieser Phase de körperlich-geistigen Reifung können Kinder entwicklungsbedingt kaum länger als eine Minute stillsitzen. Ihr „zappeliges“ Verhalten ist demzufolge selten eine Krankheit.

Im Gegenteil: So ist unter anderem das wachsende Gehirn ständig auf Impulse von den Sinneszellen des Körpers, ausgelöst durch den Muskel-, Bewegungs- und Gleichgewichtssinn, angewiesen. Nur so können die Nervenzellen im Gehirn optimal reifen und sich verschalten. Bei Jugendlichen nimmt mit Beginn der Pubertät der Bewegungsbedarf entwicklungsbedingt wieder ab. Trotzdem sollten Jugendliche und Erwachsene nicht länger als rund 20 Minuten stillsitzen.

Kippeln erlaubt: Je mehr sich Kinder beim Lernen bewegen, desto besser ist es für Körper und Geist.

Wippen, kippeln, zappeln: Je mehr Bewegung beim Sitzen, desto besser. Foto: Dieter Breithecker

So viel Sitzen wie nötig, so viel Positionswechsel wie möglich

Auch im Sitzkissen lässt es sich gut lernen.

Sitzkissen: Auch so kann Lernen aussehen. Foto: Moll GmbH

Doch was macht entwicklungsgerechte Arbeits- und Lernräume aus? Ihr wesentliches Merkmal ist, dass sie flexible Verhaltensweisen und Positionswechsel zulassen. Sie unterstützen sämtliche im Verlauf eines Lerntages erforderlichen Lernverhaltensweisen des Kindes. Das bedeutet, das Kind wird von seinem Lernumfeld dazu animiert, immer wieder die Körperposition zu verändern, wie zum Beispiel sich in verschiedenen Positionen auf dem Boden zu kauern, aktiv-dynamisch zu sitzen, zu stehen und sich im Raum zu bewegen. Solche Lernräume fördern das körperliche und geistige Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen und sind damit eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltigen Lernerfolg.

Das gesamte häusliche Umfeld sollte so angelegt sein, dass Heranwachsende und Erwachsene immer wieder zu Wechselhaltungen, Ortsveränderungen und vielfältigen Arbeitsformen angeregt werden. Denn das wiederum verändert die Wahrnehmung und das Verhalten. Für dauerhaft erfolgreiches Lernen reichen also ein Kinderzimmer oder ein Stuhl am Esszimmertisch nicht aus. Vielmehr sollten variable, mit unterschiedlichen Möbeln ausgestatte Räume, die zu unterschiedliche Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten animieren, genutzt werden können.

Der beste Platz zum Lernen ist überall

Prinzipiell gilt – überall ist ein guter Platz zum Lernen. Alle Flächen im Innen- und Außenbereich können dafür genutzt werden. Durch flexibel einsetzbares Mobiliar wie Hocker, Sitzkissen oder Matten kann beispielsweise auch die Terrasse, der Balkon oder sogar der Garten einbezogen werden.

Apropos Natur: Die Empfehlungen zum Lernen im häuslichen Bereich können nur eine Ergänzung zur Forderung des freien Spielens und Bewegens in einer natürlichen Umgebung darstellen. Natur ist für Kinder, vor allem für die Jüngsten, von besonders großer Bedeutung, da sie ihnen auf kleinstem Raum eine Fülle von kindgemäßen Sinnes- und Bewegungserfahrungen ermöglicht. Fast alle Kinder, unabhängig von Persönlichkeit, Geschlecht oder Alter, fühlen sich von der Natur aufgefordert, sich spielend in ihr zu bewegen.

Und das Spielen in freier Natur hat viele positive Effekte. So werden dabei

  • kreatives Spiel- und Sozialverhalten sowie Kommunikation gefördert,
  • vielfältige Sinnes- und Bewegungserfahrungen ermöglicht
  • die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft spielerisch erlebt,
  • überschaubare Risiken und Gefahren zugelassen und
  • die wichtige Fähigkeit zu planen, zu entwickeln, auszuführen und zu verändern gefördert.

Lernen im Stehen fördert die Konzentration.Viele Kinder lernen im Stehen besser als im Sitzen. Ideal ist es, die Position wechseln zu können. Foto: VS GmbH

Zum Autor

Dr. Dieter Breithecker ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die bewegungsfreundliche Gestaltung von Lern- und Arbeitsräumen. Dazu berät er unter anderem auch die Möbelindustrie.

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