Neue Vernetzungen im Gehirn schaffen

Life-Kinetik-Gründer Horst Lutz erklärt im Interview, wie und warum seine Methode funktioniert

Foto: LiKE GmbH

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Life Kinetik ist ein Bewegungstraining mit kognitivem Anspruch, das vor allem Spaß machen soll. Ziel ist es, neue Vernetzungen im Gehirn zu schaffen, durch die der Alltag leichter fällt. Wie das funktioniert und warum, erklärt der Gründer Horst Lutz im Interview.

Herr Lutz, ich erreiche Sie gerade im Auto. Können Sie mir ein Interview geben, ohne einen Unfall zu bauen?

Horst Lutz: Ja, das hoffe ich doch sehr. Denn das Autofahren läuft automatisiert ab, sodass ich gleichzeitig Ihre Fragen beantworten kann.

Beim Life-Kinetik-Training soll eine solche Automatisierung von Bewegungen gerade nicht erreicht werden. Richtig?

Ja! Wir trainieren bei Life Kinetik grundsätzlich Dinge, die wir noch nie zuvor gemacht haben. Denn nur durch neue Reize baut das Gehirn auch neue Vernetzungen auf. Wenn ich mehr Vernetzung im Gehirn habe, fällt mir vieles leichter, weil ich mehr Kapazitäten habe. Das ist wie auf der Autobahn: eine dreispurige Fahrbahn kann auch mehr Fahrzeuge transportieren als eine zweispurige. Wir üben deshalb die Aufgaben immer nur so lange, bis sie bei zehn Versuchen ungefähr drei- bis viermal gut klappen. Dann kommt die nächste Aufgabe. Es stimmt also: Wir wollen keine Automatisierungen erreichen.

Sie lassen also Ihre Teilnehmer immer wieder von vorne anfangen. Können Sie erklären, was genau dadurch im Gehirn passiert?

Die Life-Kinetik-Übungen an sich sind für den Alltag nutzlos. Zwei Bälle parallel werfen und über Kreuz auffangen zu können, bringt im täglichen Leben nichts. Aber wenn Sie diese Übung zum ersten Mal machen, dann schafft das neue Verbindungen im Gehirn oder vernetzt bestehende Verbindungen neu. Und diese neuen Verbindungen stehen Ihnen dann auch im Alltag zur Verfügung, für eine anderweitige Nutzung. Diese neue Nutzung gelingt Ihnen besser, wenn die Bewegung, die zur neuen Verbindung im Gehirn geführt hat, nicht automatisiert wird.

Automatisierte Bewegungen legt das Gehirn in seinen tieferen Schichten, den Basalganglien, ab. Diese Verbindungen werden dann vorwiegend dafür genutzt und sind für neue Aufgaben nicht mehr leicht nutzbar. Das Gespeicherte hingegen ist jederzeit abrufen, wie zum Beispiel Radfahren oder Autofahren – das vergessen wir nicht mehr, auch wenn wir Jahre nicht gefahren sind. Da wir unsere Life-Kinetik-Übungen natürlich nie so nie brauchen werden, wäre es unsinnig, sie zu automatisieren.

Lassen sich die neue Verbindungen im Gehirn durch Life-Kinetik-Training nachweisen?

Ja. Wir konnten mittels MRT-Aufnahmen neue Verbindungen zwischen dem audiovisuellen und dem motorischen Kortex nachweisen. Für diese Studie haben wir die Probanden vor dem Trainingsbeginn ins MRT gelegt und nach einem dreimonatigen Life-Kinetik-Training, das wöchentlich für eine Stunde stattfand. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die in diesem Zeitraum kein Training gemacht hat, fanden sich in der Trainingsgruppe deutlich mehr neue Verbindungen.

Haben Sie auch untersucht, wie sich Life-Kinetik-Training auf Alltagsfähigkeiten auswirkt?

Es gibt dazu unterschiedliche Untersuchungen, die sich jeweils bestimmte Effekte von Life-Kinetik-Übungen angesehen haben. Dabei haben die Wissenschaftler Verbesserungen des Gleichgewichts, der Augen-Hand- und Augen-Bein-Koordination, der Aufmerksamkeit und der Handlungsschnelligkeit beobachtet. In einer anderen Studie zeigte sich eine erhebliche Reduktion des Burn-out-Risikos durch Life-Kinetik-Training. Die These dahinter: Menschen sind weniger stressanfällig, wenn sie über eine gute Aufmerksamkeit und Handlungsschnelligkeit verfügen.

Wie lange halten die Effekte des Traings an?

Das kommt ganz auf Ihren Alltag an. Wenn Sie zum Beispiel Aufgaben bewältigen müssen, die Areale im Gehirn benötigen, in denen die neuen Verbindungen enstanden sind, dann kann es sein, dass Sie die neuen Verbindungen weiterhin nutzen können – auch wenn Sie das Training nicht weitermachen. Aber natürlich ist anzunehmen, dass das, was nicht genutzt wird, auch wieder verschwindet.

Verorten Sie Life Kinetik in der Therapie oder eher in der Prävention?

Life Kinetik ist ganz klar keine Therapie, sondern eine Trainingsform, es ist also in der Prävention zu verorten. Und da haben wir einen großen Vorteil im Vergleich zu anderen Trainingsformen – Life Kinetik macht Spaß! Und das ist der zentrale Faktor, der die Menschen dran bleiben lässt. Es gibt gute Angebote wie die klassische Rückenschule. Sie haben jedoch den schwerwiegenden Nachteil, dass sie kaum jemanden Spaß machen. Und wenn keine intrinsische Motivation für ein Training entsteht, wird man es nicht lange durchhalten. Das betriebliche Gesundheitsmanagement setzt deshalb auch immer mehr auf Life Kinetik. Denn die Unternehmen erkennen, dass sie etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun müssen, aber idealerweise etwas, das nachhaltig ist. Genau das ist Life Kinetik: Das Training ist lustig und die Trainierenden verbessern sich dabei in vielen verschiedenen Bereichen.

Ist es für die Teilnehmer nicht frustrierend, immer etwas Neues anzufangen und es nie solange üben zu dürfen, bis sie es können? 

Am Anfang sorgt das tatsächlich manchmal für Unmut. Aber sie begreifen recht schnell, dass es bei uns zum Konzept gehört, eine Bewegung nicht zu perfektionieren, sondern sie einfach auszuprobieren. Dann sind alle recht entspannt. Denn sie verstehen: wenn eine Übung erst einmal nicht klappt, dann sucht das Gehirn nach Lösungen.

„Bloß nicht bis zur Perfektion üben.“

Wie ist das Konzept entstanden?

Die Inspiration kam durch eine Fortbildung, bei der es um Übungen zur Lösung von Lernproblemen ging. Da gab es eine Übung, in der man Arme und Beine in verschiedenen Kombinationen nach dem Vorbild des Trainers bewegen musste, die Kombinationen aber sehr schnell gewechselt wurden. Das sah total einfach aus, aber weder ich noch meine Kollegen haben es hinbekommen. Erst nach zehn Minuten gelang es uns, die Übung auszuführen. Da dachte ich mir, dass ich noch Potenzial habe, obwohl ich koordinativ eigentlich schon recht gut bin.

Ich habe recherchiert und dann die Exklusivrechte an dem Training Brainflow gekauft, das auf Übungen dieser Art basierte. Ich habe dann ein eigenes Konzept und entsprechende Übungen dazu entwickelt, die ich zunächst vor allem in Seminaren zum Thema Gesundheit lehrte, aber auch als Kurse für Jedermann anbot. Seit 2007 werden Life Kinetik Coaches ausgebildet.

Was sind die Grundbausteine Ihres Konzepts?

Die Grundbausteine sind die funktionelle Anatomie, die Bewegungs- und Trainingslehre und die moderne Gehirnforschung. Eine weitere Säule ist die Funktional-Optometrie. Das ist eine Methode, die mit Hilfe von speziellen Übungen die Leistungsfähigkeit der am Sehvorgang beteiligten Komponenten verbessert und optimiert. Wir leiten Übungen an, welche zum Beispiel die Funktion der Augenmuskeln verbessern oder auch die genauere Wahrnehmung von Räumen im Gehirn ermöglichen sollen. Außerdem integrieren wir sehr viele Wahrnehmungsübungen in unser Training.

Sie schreiben in Ihrem Buch über Life Kinetik, dass wir nur einen Bruchteil unseres Gehirns nutzen. Hat die moderne Gehirnforschung dies nicht längst widerlegt und wir also ständig unser ganzes Gehirn nutzen?

Das ist richtig – wir nutzen zwar die ganze Zeit unser gesamtes Gehirn, aber nicht in dem Ausmaß, wie es möglich wäre. Es gibt zum Beispiel viele Einzelfälle von Menschen, die nur 10 bis 20 Prozent der Gehirnmasse eines normalen Menschen haben, aber dennoch gegenüber ihren Mitmenschen nicht auf- oder gar abfallen. Sie erreichen mit ihren 200 Gramm Gehirnmasse etwa das Gleiche wie andere mit 1500 Gramm. Vermutlich ist das deshalb möglich, weil sie effektiver arbeiten. Und wir Life-Kinetik-Coaches merken das täglich im Training, wenn wir vergleichen, was manche Leute vor dem Training konnten und danach: Sie erzielen im alltäglichen Leben eine deutliche Leistungssteigerung in nahezu allen Bereichen.

Life Kinetik hält auch im Leistungssport Einzug. Jürgen Klopp und Monika Karsch sind beispielsweise begeistert davon.

Ja, Jürgen Klopp hat das Training bereits damals in Dortmund eingeführt, als es noch gar keine Studien dazu gab. Das war ihm egal. Er meinte, er sehe doch, was wir machen, und schaden würde es keinen Fall. Und wenn es nichts nutze, dann hätten seine Spieler wenigstens Spaß gehabt. Klopp hat diese Trainingsmethode dann auch beim FC Liverpool etabliert. Inzwischen haben viele Sportler Life Kinetik in ihr Training integriert.

Viele Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Stephanie Burger.

Zur Person

Horst Lutz ist Diplom-Sportlehrer und international aktiv als Trainer und freiberuflicher Dozent. Aus der Überzeugung, dass ein gut funktionierendes Gehirn der entscheidende Faktor dafür ist, jegliche Lebensumstände zu meistern, entwickelte er aus verschiedenen Konzepten und vielen eigenen Ideen das Trainingsprogramm Life Kinetik. Seit 2007 verbreitet er seine Coach-Ausbildungen in verschiedenen Ländern.

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