Pendelnde Sitzfläche fördert schmerzfreies Arbeiten

Dynamisches Sitzsysteme müssen den physiologischen Bedürfnissen des Menschen entsprechen.

Bild: Haider Bioswing

Bild: Haider Bioswing

Unter dynamischen Sitzsystemen verstehen wir Stühle jeglicher Art, deren Sitzflächen, also die Auflagen für das Becken und die Oberschenkel, beweglich gelagert sind. Auf den ersten Blick ist das Angebot an dynamischen Sitzsystemen groß – bei näherer Betrachtung reduziert es sich jedoch deutlich. Denn es kommt darauf an, dass die Produkte bestimmte Grundprinzipien erfüllen.

Grundkonstruktionen dynamischen Sitzens:

  • Das Sitzgestell ist auf einer instabilen oder labilen Unterlage gelagert beziehungsweise eine solche Unterlage ist unter dem Sitzgestell angebracht – dann balanciert der Stuhl gleich einem „Stehaufmännchen“ auf einer konvexen Fläche. Dies entspricht von der Bewegungsquantität und -qualität dem klassischen Sitzball, wir sprechen vom Ballprinzip.
  • Im unteren Sitzgestell befindet sich ein Bewegungselement, zu Beispiel ein Elastomer, eine Feder, ein Kugelelement oder ein sonstiges Gelenk. Das Sitzmobiliar steht mit festen Füßen auf einem festen Untergrund, die Sitzfläche schwankt um das Bewegungselement, auch hier finden wir das Ballprinzip.
    An oder unmittelbar unter der Sitzfläche befindet sich ein instabiles oder ein labiles Kippelement, zum Beispiel ein Gelenk mit verschiedenen Freiheitsgraden oder ein Elastomer.
  • Auf der Sitzfläche befindet sich ein labiles Element, zum Beispiel ein Kissen oder eine sehr weiche Aufpolsterung.
  • All diese Sitzkonstruktionen haben gemeinsam, dass die Sitzfläche in ein oder zwei Ebenen gedämpft oder ungedämpft kippt. Je näher der Dreh- oder Rollpunkt an der Sitzfläche ist, desto geringer ist der Raumgewinn der Sitzfläche und desto geringer ist die Körperverlagerung des darauf sitzenden im Raum.

Das Problem bei Raumbewegungen des Körpers ist, dass wir dabei nicht gut schreiben, tippen oder sonstige feinmotorische Tätigkeiten ausführen können. Auch können unsere Augen leicht den Blickkontakt, zum Beispiel auf eine Zeile am PC-Bildschirm, verlieren. Der Sitzende verharrt während diesen feinmotorischen Tätigkeiten in einer angespannten Körperhaltung auf dem Stuhl oder Hocker, um den Körper und damit die Blickrichtung ruhig und stabil zu halten. Denn unsere Augen, genauer unser visuelles System, sind der oberste Informationsgeber für unsere motorische Steuerung.

Vorteile des Pendelprinzips

Nun gibt es weitere Möglichkeiten, Sitzflächen dynamisch zu gestalten. Dabei ist nicht das Ballprinzip oder der Kreisel das Vorbild, sondern der Pendel. Die Sitzfläche wird pendelnd gelagert. Was ist aber der Unterschied zwischen dem Ball- beziehungsweise Kreiselprinzip zum Pendelprinzip in einer Sitzfläche?

Der Ball beziehungsweise der Kreisel oder auch die Wippe verändert die Raumlage, abhängig vom Drehpunkt, wenn sie aus dem Lot geraten. Wir sprechen hier von einer instabilen Instabilität. Das Pendel schwingt immer in das Zentrum zurück, wenn es aus dem Lot gerät beziehungsweise einen externen als auch internen Impuls erfährt. Wir sprechen hier von einer stabilen Instabilität.

Um den Begriff System jedoch gerecht zu werden, bedarf es mehr als nur einer beweglich gelagerten Sitzfläche. Diese Sitzfläche muss, damit sie zu einem Sitzsystem wird, eine zweckgebundene Einheit zum einen mit dem Gesamtstuhl aber auch mit dem darauf sitzenden Menschen und dessen Zielhandlungen bilden. Wenn kein Zusammenhang zwischen dem dynamischen Stuhl und dem darauf sitzenden in Bezug auf seine Zielhandlung besteht, dann handelt es sich bei dem Stuhl lediglich um ein Sitzaggregat, nicht um ein Sitzsystem.

Menschliche Physiologische als Ausgangspunkt

Um jedoch die Effekte eines dynamischen Sitzsystems bewerten zu können, ist es unabdingbar, uns mit dem darauf sitzenden Menschen zu beschäftigen. Denn auf einem dynamischen Sitzsystem verharrt ein biologisches Wesen, dessen Motorik ständigen Steuerungs- und Regelungsprozessen unterliegt.

Wenn wir Menschen stehen und gehen müssen wir unser Becken als Basis des Rumpfes und der Fixpunkte unserer Beine aktiv stabilisieren, also im Raum ruhig halten und es nicht wie ein Modell auf dem Catwalk seitlich abkippen. Das Becken und der darauf aufbauende Rumpf samt Schultergürtel stellen die Fixpunkte unserer Extremitäten dar und werden durch unser tiefenstabilisierendes Nerv-Muskelsystem rechtzeitig auf die Zielhandlung ruhig eingestellt.

Wir Menschen sind die einzigen aufgerichteten Lebewesen und können in der aufrechten Haltung feinstmotorische Aktionen, zum Beispiel das Einfädeln eines Faden in einem Nadelöhr, durchführen. Affen können auch, zumindest kurzfristig, zweibeinig gehen und stehen, müssen sich jedoch setzen, sobald sie etwas feinmotorisch mit ihren Händen manipulieren, zum Beispiel das Knacken einer Nuss. Die Affen setzen sich, um ihr Becken auf einer festen Unterlage zu fixieren. Damit fällt Ihnen die Stabilisation des Rumpfes auf der Basis ihres fixen Beckens leichter. Das kann man bei uns Menschen auch beobachten, wenn wir etwas sehr Feinmotorisches über eine längere Zeit, bewerkstelligen wollen, und sei es nur das Tippen auf der Tastatur. Gerade Menschen mit Instabilitäten im Wirbelsäulen-Beckenbereich setzen sich gerne hin und können nicht lange im Stehen feinmotorisch arbeiten. Beim Sitzen auf einer starren Sitzfläche wird uns die Stabilisation des Beckens massiv erleichtert, denn wir müssen aktiv dafür nichts tun und unsere motorische Steuerung fährt herunter.

Kein seitliches Beckenkippen

Positionieren wir unser Becken nun aber auf einer dynamisch gelagerten Sitzfläche, so bildet diese keinen absoluten Fixpunkt mehr für unser Becken und wir müssen die Stabilisation aktiv bewerkstelligen. Jede Bewegung, die wir durchführen, sei es Schwankungen des Rumpfes, Bewegungen der Beine, der Arme und des Kopfes, führen zu einer Bewegung beziehungsweise Auslenkung der Sitzfläche nach dem Prinzip von Aktion gleich Reaktion. Diese Bewegungen werden von den erwähnten zahlreichen Meldeorganen, vor allem in den Muskeln und der Haut des Gesäßes, an unser zentrales Nervensystem gesendet und führen zu einer aktiven Antwort. Nun ist jedoch die Frage, welche Qualität die Auslenkung der Sitzfläche hat: Kippt diese oder pendelt diese?

Biomechanisch ist das seitliche Beckenkippen im Sitzen als problematisch anzusehen. Denn man muss wissen, dass unsere Beckenstabilisation gegen das seitliche Kippen normalerweise in der Aufrechten beim Gehen gewährleistet sein muss. Muskulär wird dieses seitliche Beckenabkippen durch den mittleren und kleinen Gesäßmuskel abgesichert. Diese liegen seitlich am Becken und werden in der Einbeinstandphase maximal aktiviert. Ein im Sitzen seitlich abkippendes Becken kann nicht durch diese beiden Gesäßmuskeln abgesichert werden, da diese durch die Hüftbeugung biomechanisch dazu nicht mehr in der Lage sind. Also muss die Beckenstabilisation beziehungsweise kontrollierte Beckenabkippung durch andere Muskeln gewährleistet werden. Und dies ist zuallererst der quadratische Lendenmuskel. Dieser Muskel ist dazu jedoch nur bedingt geeignet, weshalb seine rasche schmerzhafte Überlastung die Folge sein kann.

Pendelnde Sitzfläche aktiviert sanft

Anders sieht dies jedoch bei pendelnd gelagerten Sitzflächen aus, da diese das Becken in der Vertikalen stabil halten. Der quadratische Lendenmuskel wird so nicht übermäßig aktiviert, denn es gibt kein unnormales seitliches Abkippen des Beckens im Sitzen. Weiter bleibt auf pendelnd gelagerten Sitzflächen unser tiefenstabilisierendes Nerv-Muskelsystem aktiviert, um die Wirbelsäulensegmente zu stabilisieren und eine größere Auslenkung zu unterbinden. Das tiefenstabilisierende Nerv-Muskelsystem befindet sich die ganze Zeit während des Sitzens auf einer pendelnd dynamisch gelagerten Sitzfläche in einem Stand-by.

Wichtig ist bei einem pendelnden Sitzsystem, das die Auslenkungen der Sitzfläche klein und horizontal gehalten werden. Ziel ist es, möglichst nur das tiefenstabilisierende System zu aktivieren. Bei den kleinen Bewegungen werden überwiegend auch nur die Rezeptoren der vor allem horizontal verlaufenden Segmentmuskeln gereizt und die Antwort unseres Zentralcomputers bleibt auf dieser segmentalen Muskelschicht begrenzt. Denn diese kleinen, dosiert horizontalen Auslenkungen können aufgrund der Zugrichtung größerer Rückenmuskeln nur von den kleinen, segmentalen Muskeln beantwortet werden. Die ohnehin meist überlasteten großen Muskeln werden über ihre normale Haltefunktion nicht aktiviert, durch das aktive segmentale Muskelspiel sogar entlastet. Wichtig ist es, dass die Sitzfläche nach dem Pendelprinzip vom Stuhlgestell entkoppelt ist und die Sitzflächenbewegungen gezielt gedämpft sind. Es darf nie Unsicherheit entstehen beziehungsweise der Sitzende darf nie durch plötzliche Bewegungen der Sitzfläche oder der Rückenlehne überrascht werden. Denn Unsicherheit und Überraschung führen zu einer Aktivierung großer Muskelverbände, und genau dieses Muskelmuster soll unterbunden beziehungsweise durchbrochen werden.

Fazit: Sitzen auf einer dynamisch pendelnden Sitzfläche hält die Aktivität ihrer tiefenstabilisierenden Muskulatur aufrecht, versorgt das Gehirn mit ausreichenden Informationen aus dem Bewegungsapparat und fördert die für ein schmerzfreies Arbeiten und Bewegen wichtige Lenden-Becken-Stabilisation.

Das entscheidende ist dabei die Koordination des Nerv-Muskel-Zusammenspiels, nicht die primäre Mobilität passiver Strukturen wie der Bandscheiben. Kippende Bewegungen sollten vermieden werden, da diese unnötig die ohnehin überlasteten oberflächigen Muskeln weiter überlasten können, außerdem lenkt zu starkes Kippen möglicherweise von der konzentrierten Arbeit ab und ist in der sitzenden Position in Bezug auf die Beckenstabilisation unphysiologisch.

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